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Lagarde warnt vor anhaltender Inflation und erläutert ihren vorzeitigen Abschied

*EZB-Präsidentin Christine Lagarde erwartet in den kommenden Quartalen weiterhin hohe Inflationsraten, legt sich aber nicht auf eine Zinsentscheidung im Dezember fest. In einem am 7. November 2026 veröffentlichten Interview mit der japanischen Zeitung Yomiuri Shimbun erklärt sie außerdem, warum sie nach ihrem angekündigten Ausscheiden stärker an politischen Debatten teilnehmen möchte. Das Gespräch führte Hironari Akiyama am 4. November.* [1] (ecb.europa.eu)

Energiepreise treiben die Teuerung

Die jährliche Inflationsrate im Euroraum stieg im Oktober 2026 nach der vorläufigen Eurostat-Schätzung auf 4,0 Prozent, nach 3,8 Prozent im September. Besonders stark verteuerte sich Energie: Die entsprechende Jahresrate erhöhte sich von 18,9 auf 20,8 Prozent. Die Kerninflation ohne Energie, Nahrungsmittel, Alkohol und Tabak blieb dagegen bei 2,5 Prozent. Bei Dienstleistungen stieg die Rate von 3,2 auf 3,3 Prozent. Die Zahlen sind noch vorläufig. [2] (ec.europa.eu)

Lagarde führt den starken Energiepreisanstieg auf den Konflikt im Nahen Osten und geringere weltweite Raffineriekapazitäten zurück. Nach ihrer Einschätzung wächst das Risiko für das mittelfristige Inflationsziel, je höher die Teuerung ausfällt und je länger sie anhält. Zugleich sehe die EZB bislang keine Anzeichen für zusätzliche Zweitrundeneffekte, die über die Annahmen ihrer Projektionen hinausgingen. Dafür beobachte sie insbesondere mehrjährige Tarifabschlüsse und die Lohnerwartungen der Unternehmen. [1] (ecb.europa.eu)

Eine Entscheidung für die nächste Zinssitzung im Dezember nahm Lagarde nicht vorweg. Die Geldpolitik werde weiterhin anhand der Daten und von Sitzung zu Sitzung festgelegt. Höhere Energie-Terminkurse und gestiegene langfristige Zinsen müssten zunächst in den neuen Projektionen bewertet werden. Ihre Auswirkungen auf Inflation und Wachstum stellte sie damit nicht als bereits abschließend geklärt dar. [1] (ecb.europa.eu)

Rückblickend räumte Lagarde eine Fehleinschätzung während der Inflationsphase 2021/22 ein. Die damalige Annahme, vor allem einen vorübergehenden Angebotsschock zu erleben, sei im Nachhinein falsch gewesen. Gleichzeitig habe die Wiederöffnung der Wirtschaft die Nachfrage verstärkt, weil Verbraucher angesparte Mittel ausgegeben hätten. [1] (ecb.europa.eu)

Nach dem Ausscheiden will Lagarde freier sprechen

Lagardes bevorstehender Rücktritt ist keine neue Ankündigung des Interviews: Die EZB hatte bereits am 29. Oktober 2026 mitgeteilt, dass sie ihr Amt am 7. Februar 2027 niederlegen werde. [3] (ecb.europa.eu)

Im Gespräch begründet Lagarde ihren vorzeitigen Abschied mit dem Wunsch, sich freier zu Themen außerhalb der Geldpolitik äußern zu können. Sie sieht unter anderem Rechtsstaatlichkeit, internationale Zusammenarbeit und Handel als Grundlage von Wohlstand unter Druck. Auch in die Debatte vor der französischen Präsidentschaftswahl möchte sie sich einbringen. Eine eigene Kandidatur bezeichnet sie jedoch ausdrücklich nicht als ihren Plan. Eine mögliche Aufgabe an der Spitze des Weltwirtschaftsforums nennt sie lediglich als Option; entschieden sei nichts. [1] (ecb.europa.eu)

Nach dem Interview gab es einen weiteren Schritt im Nachfolgeverfahren: Die Eurogruppe teilte am 6. November mit, dass Spanien Pablo Hernández de Cos und die Niederlande Klaas Knot nominiert haben. Die Kandidaturen sollen am 9. November beraten werden. Die Ernennung obliegt dem Europäischen Rat nach dem vorgesehenen europäischen Verfahren. [4] (consilium.europa.eu)

Staatsfinanzen, Cyberrisiken und Zusammenarbeit mit Japan

Angesprochen auf Frankreichs Staatsfinanzen verwies Lagarde auf weltweit gestiegene langfristige Zinsen. Hoch verschuldete Staaten seien dafür besonders empfindlich; entsprechend wichtig sei die Einhaltung der europäischen Fiskalregeln. Einen möglichen Einsatz des Transmission Protection Instrument, eines geldpolitischen Schutzinstruments der EZB, schloss sie nicht aus. Sie gab jedoch keine Zusage für einen konkreten Fall: Jede Nutzung müsse die jeweiligen Bedingungen erfüllen und vom EZB-Rat beurteilt werden. [1] (ecb.europa.eu)

Bei künstlicher Intelligenz betonte Lagarde vor allem die Gefahr leistungsfähigerer Cyberangriffe und den Bedarf an internationaler Zusammenarbeit. Der Bank of Japan bot sie außerdem einen Erfahrungsaustausch über digitales Zentralbankgeld an. Verbindungen zwischen europäischen und ausländischen Echtzeit-Zahlungssystemen könnten ihrer Darstellung zufolge künftig grenzüberschreitende Zahlungen erleichtern. Ein beschlossenes gemeinsames Digitalwährungsprojekt kündigte sie damit nicht an. [1] (ecb.europa.eu)

Quellen

  1. Europäische Zentralbank: „Christine Lagarde: Interview with Yomiuri Shimbun“, veröffentlicht am 7. November 2026. Interview: Hironari Akiyama, geführt am 4. November 2026. Übergebener Ausgangsartikel; als Organisationsautor ist die European Central Bank angegeben.
  2. Eurostat: „Euro area annual inflation up to 4.0%“, Schnellschätzung für Oktober 2026, veröffentlicht am 4. November 2026.
  3. Europäische Zentralbank: „ECB President Lagarde to step down on 7 February 2027“, Pressemitteilung vom 29. Oktober 2026.
  4. Eurogruppe / Rat der Europäischen Union: „Statement by the Eurogroup President on the nominations for the post of ECB President“, Erklärung vom 6. November 2026.